Mein Weltstar

Mein WeltstarUnser Kolumnist besucht einen Showcase und urteilt streng über das Benehmen der Besucher. Zudem entdeckt er ein Restaurant in Bern.Von MvHMvH 07.06.2012Vergangene Woche war ich in Zürich, im «Kaufleuten» fand der sogenannte Showcase von Norah Jones statt. Der Unterschied zwischen Konzert und Showcase ist, so viel ich weiss, dass Konzerte länger dauern (zirka 90 bis 120 Minuten; Showcases 20 bis 60 Minuten) und oft vor mehr Publikum / in grösseren Lokalen stattfinden. Ausserdem kann man für Showcases im Normalfall keine Karten kaufen, sondern muss dazu eingeladen werden von einem Sponsor respektive Tickets gewinnen, bei der Verlosung eines Radiosenders zum Beispiel (MvH war Gast von Mark Röthlin, der im «Kaufleuten» arbeitet und an dem Betrieb beteiligt ist; «Rö», nur zum Sagen, ist oft in, sagen wir, high spirits, wenn er einem begegnet spätabends, doch am frühen Morgen des folgenden Tages, oder am frühen Morgen irgendeines Tages, ist er wieder am Schreibtisch und liefert, was man braucht). Mit anderen Worten: Man ist dem Künstler näher an einem Showcase, hat aber Besucher um sich, die oft wenig Interesse an der Darbietung zeigen.

Norah Jones und ich go back a long way sozusagen. Im Frühjahr 2002 hörte ich zum ersten Mal das Lied «Don’t Know Why» (von ihrem Debütalbum «Feels Like Home», für das sie fünf Grammy-Auszeichnungen bekam und von dem über zwanzig Millionen Exemplare verkauft wurden). Ich war damals auf Geschäftsreise in Detroit, im Auto natürlich, und «Don’t Know Why» kam am Radio. Detroit, nebenbei, sieht aus wie Beirut mit schlechtem Wetter an einem guten Tag (im März, als ich dort war, gibt es recht wenig gute Tage). Doch wenn Norah singt, finde ich, geht der Himmel auf, irgendwie. Ich bin mit ihr, nebenbei, nicht bekannt. Ich habe nie versucht, sie zu treffen oder zu befragen. Weil das Werk eines Künstlers, in den Augen Ihres Korrespondenten, fast immer verliert, wenn man den Menschen dahinter ein wenig kennenlernt. Und weil sogar Ihr Korrespondent, ab und zu, Fan sein möchte.

Im oberen Stock des «Kaufleuten»-Klubsaals, «Himmel» genannt, befand sich MvHs Platz (auf dem balkonartigen Aufbau auf der rechten Seite, ziemlich weit vorne). Um offen zu sein: Es war nicht MvHs Platz, es war ein Platz in der «Samsung Lounge» (wer sich seiner Wirkung sicher / nicht schüchtern ist, kommt fast überallhin respektive jedenfalls in eine Sponsoren-Lounge). Die Mehrheit der Eingeladenen war nicht dorthin gekommen wegen der Musikerin, sondern um miteinander zu reden, zu telefonieren oder, logisch, mittels sozialen Netzwerken «Freunden» mitzuteilen, man sei gerade an einem Showcase, so sah es aus. Und in dem Raum zu ebener Erde sah man auch viele Zuschauer sich mit ihren Smartphones beschäftigen. «Weshalb geniessen Sie nicht die Show?», fragte Norah Jones einen, der zuvorderst stand und sie – von unten – fotografierte (sie hatte ein recht kurzes Kleid an). Der Showcase dauerte siebzig Minuten, sie spielte, unter anderem, fast alle Lieder ihres neuen Albums «Little Broken Hearts», das ich empfehle. Es gibt keinen Grund, finde ich, die meisten Leute einzuladen an einen Showcase oder so – weil nur das, was kostet, einem was wert ist.

Ausserdem war ich in Bern, wegen einer privaten Angelegenheit. Anschliessend ass ich zu Mittag im «Metzgerstübli», einem kleinen Restaurant an der Münstergasse. Ich ging die längste Zeit davon aus, dass es in der Stadt auch gute Lokale gibt, die nicht von der Firma Bindella betrieben werden – bloss wusste ich nicht genau, welche (Rindsfiletstreifen mit Cognacsauce kann ich empfehlen).
Zum Schluss ein Abschnitt Volkswirtschaft (Cachet hat economics, sagt auch Aaron Sorkin, Schreiber von «The Social Network» oder «Moneyball»). MvH ist im Augenblick in Ibiza; auf seinem Haus lastet eine kleine Schuld, sein Gläubiger ist eine Sparkasse, die von Bankia, der viertgrössten Bank Spaniens, übernommen und in der Zwischenzeit vom Staat «gerettet» wurde (für zirka 23 Milliarden Euro). Worauf ich hinauswill: Spanien respektive die Einwohner, die Steuern abliefern, müssen sieben Prozent oder so Zins zahlen, damit irgendjemand dem Land noch Geld leiht. Ausländer, die eine Hypothek haben (wie yours truly), zahlen drei Prozent an den Staat (dem die Bank gehört). Das nennt man Umverteilung von unten nach oben oder, auf alle Fälle, von innen nach aussen. Es sieht nicht gut aus, was Wirtschaftspolitik angeht in Europa, finde ich. Wenigstens ist Sommer auf der Insel.

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