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 Magazine Übersicht xyz Archiv linkBaerenfaller 27.12.2007

Der Catering-Boy


Der Catering-Boy
Was würden Sie sagen, wenn Sie die Hose eines Mannes aufknöpfen und Ihnen eine pinkfarbene Unterhose entgegenleuchtet? «Also ich müsste danach eine Viagra schlucken, damit sich meine Irritation in eine Erektion umwandelt.» Mario gab mir Recht, und griff zu seiner bevorzugten Farbe. Wir waren shoppen. Ein Samstag vor Weihnachten – der ideale Zeitpunkt.

Wir gingen auf der Suche nach einem Duftspray der nach Wald und Tannen riecht in einen Gärtnereishop. Die junge Verkäuferin sah sich persönlich beleidigt, als wir ihr sagten, wir hätten einen Kunstbaum, der nun mal nicht nach Baum rieche. Sie meinte, wenn wir wollten, dass es in der Wohnung nach Wald rieche, sollten wir einen Naturbaum kaufen. Das wissen wir auch, aber der lässt Nadeln, und Putzen ist nun einmal nicht unser Hobby.

Nach dieser Konfrontation mit einer Grasgrünen mussten wir uns wieder erholen und gingen zu Louis Vuitton. Meine Mutter feierte einen Tag vor Weihnachten ihren… sagen wir einmal einen runden Geburtstag (wenn ich hier die Jahreszahl erwähnt hätte, wären das wohl meine letzten Zeilen gewesen). Da soll es etwas Spezielles sein.
Ich steuerte einen (süssen) Verkäufer an: «Ich suche einen Schal für meine Mutter.» «Kein Problem. Die Schale, Schalen, Schals – bitte verzeihen Sie, wie lautet der Plural von Schal?» Wir kamen alle nicht drauf und einigten uns auf Halstücher (gemäss Duden ist der Plural von Schal Schals oder Schale). Ich entschied mich für ein klassisches LV-Design und schickte eine SMS mit dem Preis an meinen Bruder. Der muss schliesslich die Hälfte zu dem Geschenk beitragen. Kurz später ruft er an und schreit: «Hast du dich im Preis vertippt? Eine Null zuviel gedrückt? Oder wie viele Schals, Schäle Schale… Verdammt, wie ist die Mehrzahl von Schal? Egal, steht wenigstens gross und fett das Label drauf?» Klar steht das Label drauf, und in Anbetracht des fünfzigsten Geburtstages meiner Mutter ist der Wert wohl auch Nebensache.

«Sind Sie auch verantwortlich für die Schuhe?» fragte ich den Verkäufer. «Damenschuhe?» «Ja sicher, zu hause trage ich Pumps.» Der Verkäufer lief rot an und merkte, dass ich Männerschuhe für mich wollte. Schliesslich beschenke ich mich ja zu Weihnachten auch immer. Mich selber immer am Grosszügigsten.

Mit dem Schal für Mutter und meinen neuen Turnschuhen ging ich zur Kasse. Mario begab sich zu einem kleinen Cateringstand, an welchem ein süsser junger Typ Moët Champagner ausschenkte und Häppchen anbot. Mario brachte mir ein Glas Moët und meinte «Damit tut das Zahlen nicht so weh.» Während der Verkäufer das Geschenk machen ging, wandte ich mich dem jungen Catering-Boy zu. «Ich hätte ja damals auch alles dafür gegeben, bei Louis Vuitton die Lehre machen zu dürfen.» «Ich arbeite hier eigentlich nicht. In der Vorweihnachtszeit jobbe ich hier nur samstags an diesem kleinen Catering Tischchen. Ich gehe noch zur Schule und ansonsten bin ich hier eher Kunde.» Hoppla, der junge Mann, knappe 18 Jahre alt, ist «hier eher Kunde»? «Du bist in deinem Alter öfters Kunde bei LV? Dann machst aber sicher eine bessere Schule.» «Richtig.» «Eine Privatschule?» «Auch richtig. Ich besuche ein Internat im Engadin.» «Und ab und zu findet dein Dad, du müsstest auch einmal arbeiten und schickt dich in einen Designerladen seines Geschäftsfreundes zur Arbeit?» «Sie sind gut – genau richtig! Mehr Champagner?». «Richtig! Mehr Champagner!» In diesem Sinne…
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Zürich, 22.08.2008 © by zuri.net