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 Magazine Übersicht xyz Archiv linkstephanie.r 24.01.2008

Die Verwaltungslesbe


Wir sind zusammengezogen, weil wir in den letzten drei Jahren entweder ständig bei meiner besten Freundin Melanie herumgehangen sind, oder dann eben bei mir. Aber fast nie war eine von uns alleine zuhause. Und weshalb zwei Wohnungen zahlen, wenn man stets nur eine nutzt. Mit dem gesparten Geld können wir ein paar Whiskys schlürfen. Zuerst haben wir eine Wohnung im Zürcher Kreis 3 angeschaut. Auf dem Weg zur Wohnung begegneten wir einer Unmenge Juden. Ich bat Melanie, den Besichtigungstermin sausen zu lassen und uns einem Jack Daniel’s Whisky zu widmen und einen anderen Stadtkreis zu bestimmen.
«Hast du etwas gegen Juden?»
«Natürlich nicht, jeder macht und glaubt, was er will. Aber sie sollen es nicht in meiner Umgebung machen. Ich will nicht am Morgen das Haus verlassen und erst dann merken, dass ich nicht in Jerusalem lebe, wenn das erste Züri-Tram mir vor der Nase wegfährt. Hast du etwas gegen Jack Daniel’s?»
«Natürlich nicht. Es ist schon 14.30 Uhr, ein Jack liegt drin.»

Melanie hat am schwarzen Brett im Intranet ihrer Firma eine Wohnung ausgeschrieben gesehen und sich bei dem Typen gemeldet. Sven oder Olaf hiess der. Er sah aus wie ein Olaf – ja, ich glaube er hiess wirklich Olaf. Oder Sven-Olaf. Er zeigte uns seine Vierzimmerwohnung im Kreis 5 und meinte, es mache seiner Verwaltung hoffentlich nichts aus, wenn er zwei Lesben als Nachmieter angebe.
«Sag mal spinnst du? Stephanie und ich sind nicht lesbisch. Wir tragen unser Haar lang! Und hüte dich davor, dir nachher bei dem Gedanken wie wir uns gegenseitig lecken einen runterzuholen!» Melanie ist so. Sie sagt, was sie denkt. Und sie sagt auch, was andere denken. Die würden das selber nie sagen. Melanie schon, sie sagt alles. Egal, wer es denkt. Ich bin noch schlimmer, ich sage auch, was andere nicht einmal ansatzweise denken würden.

Bei der Vertragsunterzeichnung für die Wohnung flüstere ich Melanie zu: «Ich glaube, die Verwalterin ist lesbisch.»
«Wie kommst du darauf?»
«Kurzes Haar.»
Die Verwaltungslesbe erklärte uns, dass es in der Nähe eine Migros gäbe und ein Denner befände sich ebenfalls unweit von der Wohnung. Das interessierte uns nicht. Ihr ist wohl entgangen, dass wir beide gepflegte, manikürte Fingernägel haben. Wir kaufen nicht selber ein. Wir bestellen. Online bei Coop. Bloss, Coop beschäftigt keine schönen Lieferanten. Entweder sie sind dick oder haben eine Glatze. Wir ordern einmal wöchentlich und mit dabei ist auch immer ein Pack Gummis. Wir hoffen, der Lieferant wäre endlich mal so einer wie in den neunziger Jahren der Coke Light Mann. Und wir hoffen weiter, der würde die Kondome gleich mit uns testen. Es bleibt bei der Hoffnung. Braucht jemand Kondome? Erdbeergeschmack? Wir haben vorrätig.

Was lernen wir hieraus? Wenn’s der Coop Lieferant nicht bringt, bringt’s Jack.

Eure Stephanie

Anmerkung der Red. Stephanie schreibt wöchentlich und exklusiv für zuri.net. Feedback bitte direkt an unten angegebene Adresse, die Mails werden an Stephanie weitergeleitet.
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Zürich, 30.08.2008 © by zuri.net